Es ist nicht weit nach Gentopia

 

Es ist nicht weit nach Gentopia erzählt der Schriftsteller Bernhard Ganter ein modernes Märchen beziehungsweise die Wirklichkeit in ihrer Absurdität. David wird in eine zerrüttete, vergiftete Welt hineingeboren. Kriege, Seuchen und Umweltzerstörung erschüttern unseren Planeten. David ist das Ergebnis einer perfekten Genmanipulation und soll nun die Erde retten. Die Menschen werden ihren Göttern abtrünnig, und erheben David zum Idol - die Metamorphose der Macht beginnt.

Als David geboren wurde, starben gerade die Wälder. Als sein erster Schrei über die Lippen kam, war das Meer tot. Als er zum ersten Mal die Augen öffnete, zuckten Blitze über die Welt. Als er den ersten Schritt tat, flossen die Tränen der Verzweiflung. In dieser Zeit wurden viele an den toten Meeren reich, verdienten an den Opfern des Krieges, hatten ihren Wohlstand auf Menschen gebaut, die sich vor Hunger nicht mehr auf den Beinen halten konnten, während „sie“ standen. Viel Wissen floß in die Gehirne der Menschen, aber sie wurden davon nicht gescheiter. Und das Leid, das sie um gab, machte ihre Herzen nicht voller. Goliath war Davids Vater. Golgatha seine Mutter. Ein ungleiches Paar, wesensfremd und voller Gegensätze. Und trotzdem schienen sie wie füreinander geschaffen. Nie hatte Goliath seine Angebetete mit einer anderen Frau betrogen. Er hatte sie weder beschimpft noch geschlagen. Auch wenn Golgatha ihm in der Vergangenheit oft Anlaß dazu bot, er übte Nachsicht. Goliath besaß genügend Selbstvertrauen, um zu wissen, daß sie seiner Liebe auf Dauer nicht widerstehen konnte. Und wenn sich Golgatha noch so oft wie ein puber-täres Kind benahm, irgendwann würde sie sich ihm bedingungslos unterwerfen, würde lernen zu gehorchen. In einer der vielen gemeinsam verbrachten Nächte hatte er Golgatha ewige Treue geschworen, war weinend vor ihr auf die Knie gefallen und hatte gebettelt: Nur einen einzigen Liebesbeweis verlange er von ihr. Das, was jeder Mann sich von seiner Frau wünsche – einen Sohn.

Goliath verzieh ihr, daß sie sich hartnäckig weigerte, ihn mit seinem erregten lebensbejahenden Glied in sich eindringen zu lassen. Oft hatte er sich nackt vor ihr aufgebaut und sich der Onanie bedient. Doch sein provozierender Exhibitionismus verfehlte die Wirkung. Golgatha antwortete ihm jedesmal mit lebloser Kälte, hüllte sich in metallisches Schweigen. Instinktiv spürte Goliath, daß sein triebhaftes Verlangen ein schwieriges Unterfangen war. So übte er sich in untertäniger Duldsamkeit. Irgendwann würde es ihm gelingen, sie zu schwängern. Golgatha war eine Maschine. Eine Retorte, der Goliath den aramäischen Namen gab. Den Namen des schädelförmigen Hügels nahe Jerusalem,dem Kreuzigungsort Jesu. Für ihn das Symbol allmächtigen Wissens, aus dem göttergleiches Leben entstehen sollte. Und sein Traum erfüllte sich.Golgatha hatte letztendlich gelernt zu funktionieren.Sie widersetzte sich nicht länger Goliaths Wünschen und gebar ihm einen Sohn – David.

Viele Jahre hatte Goliath dazu gebraucht, bis er lernte, die Gene, die das geistige Erscheinungsbild des Menschen prägen, so zu beeinflussen, um einen Übermenschen erschaffen zu können. David zu zeugen. Ein Kind seiner selbst sollte es sein, der Wissenschaft. Er brauchte ein neues Genie, denn er besaß zu dieser Zeit nur noch ein einziges Wissen: Das Wissen um die eigene Machtlosigkeit, die einer Kapitulation gleichkam.

Die Menschen begannen zu rebellieren. Zu oft hatte sie Goliath betrogen. Er hatte ihnen in der Vergangenheit das Heil der Welt durch seine Geschöpfe versprochen. Aber es waren keine Kinder aus Fleisch und Blut, so wie David. Sie besaßen vielerlei Gestalt, die unartigen Rangen, die sich gegen ihren geistigen Vater auflehnten und zerstörerisch die Erde beherrschten. Es waren sichtbare und unsichtbare Bestien, einige geruchlos und andere voll Gestank. Sie veränderten das Klima, vergifteten das Wasser und brachten die Wälder zum Sterben. Sie sorgten für Mißgeburten und Krankheiten, schufen die Voraussetzungen für jene Massenvernichtungsmittel, deren sich die Wahnsinnigen und Machthungrigen unter den Regierenden gerne bedienten.

Sie erhoben sich arrogant über ihren Schöpfer, der keine Macht mehr über sie besaß.Goliath fühlte sich in seiner Eitelkeit verletzt. In maßloser Wut, und von Minderwertigkeitskomplexen geplagt, machte er sich daran, neue Kinder in die Welt zu setzen. Befahl ihnen, ihre älteren Geschwister zur Räson zu bringen. Aber auch sie gehorchten ihm nicht lange. Und wieder gab es neue Geburten, neue Bedrohungen. Goliath vermochte diese unkontrolliert rasende Teufelsspirale nicht mehr zu stoppen. Es schien, als hätte er das von ihm provozierte Rennen in sich selbst verloren.

Es nutzte nichts mehr, die Abhängigen vor den nahenden Gefahren zu warnen. Obwohl die Menschen Augen besaßen, weigerten sie sich, das schleichende Sterben zu sehen. Sie schlossen ihre Nasen vor dem widerwärtigen Verwesungsgeruch, der in der Luft lag. Sie wollten die schlagenden Pferdehufe der Apokalyptischen Reiter nicht hören, die sich mit erschreckender Geschwindigkeit näherten und die Erde zum Erbeben brachten.

Goliath hatte sie in der Vergangenheit zu sehr verwöhnt, hatte sie nach den Dingen süchtig gemacht, mit denen sie von den Herrschenden für ihr Funktionieren belohnt wurden. Die Geschenke an die Menschen waren zu schön verpackt, als daß man darauf verzichten wollte. Was sie Goliath jedoch vorwarfen,war sein ohnmächtiges Vorwärtstaumeln in die Zukunft. Sie verlangten von ihm ein Wunder. Den Tribut für die ihm entgegengebrachte blinde Unterwürfigkeit. Er sollte ihnen die wunderschönen Gaben erhalten, ohne je mit ihrem Herz- oder Fleischesblut bezahlen zu müssen.

Goliaths letzter Trumpf seines gezinkten Kartenspiels war David. Das Wunder, nach dem die Massen schrien. Und so wie das Kind vor seinem entzweigegangenen Spielzeug sitzt und hoffnungsvoll zum Vater aufblickt, er möge es doch wieder richten, so sahen Goliath und seine Untertanen zu David auf. Er sollte die toten Bäume wieder grün werden lassen, die Flüsse und Meere zum Leben erwecken, den Atomen verbieten zu strahlen.

 

Weitere Informationen

 
Autor:Bernhard Ganter
Sprecher:Charles M. Huber
ISBN: 3-934044-41-7
Länge:ca. 43 Min.
Medium: CD
Ausstattung:1 CD im DigiPack
 

 
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Als CD im JuwelCase

Es ist nicht weit nach Gentopia

Art.-Nr.: 3-934044-41-7
EAN: 3-934044-41-7
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